Graphite One: Die Fabrik kommt vor der Mine

Die USA importieren ihren gesamten Naturgraphit, und China verlangt Exportlizenzen. Graphite One will das größte bekannte Graphitvorkommen der USA in Alaska mit einem Anodenwerk in Ohio verbinden, das im vierten Quartal 2027 anlaufen soll.

Graphite One: Die Fabrik kommt vor der Mine
Symbolbild: Graphite One: Die Fabrik kommt zuerst. Unter Zuhilfenahme von KI-Systemen generiert.

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Der nähere Werttest liegt in Ohio

Am 10. November 2026 läuft in Peking eine Frist ab. Bis dahin ist Chinas Exportkontrolle für Anodenmaterial aus synthetischem Graphit ausgesetzt, bis 27. November die strengere Endverbleibsprüfung für Lieferungen in die USA (Stand 27. Oktober 2026). Ob beide danach greifen, ist offen. Für Batteriehersteller in den USA wird daraus eine Frage der Versorgung.

Washington setzt auf heimische Quellen. Am 26. Oktober 2026 vergab die Defense Logistics Agency (DLA) zum dritten Mal seit 2023 einen Auftrag an Graphite One. Und seit dem 16. Juli 2026 prüft die Ohio EPA die Luftgenehmigung für ein Werk in Conneaut, Ohio. Dort will Graphite One aktives Anodenmaterial für Lithium-Ionen-Batterien herstellen.

Wer an Graphite One denkt, denkt meist an Alaska. Gemeint ist Graphite Creek, das Vorkommen auf der Seward-Halbinsel, rund 60 km nördlich von Nome. Das ist verständlich. Die Lagerstätte ist das Fundament des Unternehmens, und Minenprojekte prägen das Bild eines Rohstoffwerts.

Der Fahrplan folgt jedoch einer anderen Reihenfolge. Die Fabrik kommt zuerst. Das Werk in Ohio soll mit zugekauftem Material anlaufen, bevor in Alaska die erste Tonne gefördert wird.

Heute ist Graphite One ein Entwicklungsunternehmen ohne laufende Produktion. Gerade deshalb zählt jeder Schritt, der aus einem Plan eine genehmigte Anlage macht. Die technische Prüfung in Ohio ist so ein Schritt: datiert, öffentlich und auf das Werk bezogen, nicht auf die Mine.

Damit stellt sich eine Frage, die den Blick auf dieses Unternehmen verschiebt: Was ändert sich, wenn Ohio vor Alaska kommt?

Graphit wird zur Beschaffungsfrage

Graphit macht laut Graphite One rund 95 % des Gewichts im Anodenmaterial einer Lithium-Ionen-Batterie aus. Gebraucht wird es für E-Autos, Netzspeicher und Rüstungsgüter. Beim Naturgraphit sind die USA laut Unternehmen vollständig auf Importe angewiesen, bei verarbeitetem Anodenmaterial vor allem auf Lieferungen aus China.

Lange war Graphit ein Thema der Energiewende. Käufer konnten warten oder in China einkaufen. Diese Wahl wird enger.

Ein Grund liegt in Peking. Seit Dezember 2023 verlangt China Exportlizenzen für Naturgraphit, geführt unter der Dual-Use-Position 1C108. Die beiden ausgesetzten Verschärfungen für Anodenmaterial und für Lieferungen in die USA kämen hinzu. Wer in den USA Anodenmaterial braucht, hängt damit an Lizenzentscheidungen in Peking.

In Washington gilt Graphit unter dem Defense Production Act Title III als verteidigungsrelevant. Am 20. Juli 2026 folgte die Executive Order „Securing America's Defense Supply Chains and Ensuring Domestic Acquisition of Critical Materials“. Laut Graphite One zielt sie auf mehr Transparenz in den Lieferketten, auf heimische Beschaffung und auf weniger Abhängigkeit vom Ausland.

Washington misst Lieferanten damit zunehmend daran, ob ihr Material aus heimischen Quellen stammt.

Wer Anodenmaterial einkauft, stellt deshalb eine neue Frage: Woher kommt es, und lässt sich das lückenlos belegen? Genau an dieser Frage setzt das Werk in Conneaut an.

Conneaut soll das erste Glied werden

Für die Batteriezelle muss Anodenmaterial die Spezifikationen des Kunden erfüllen. Zugleich soll sich seine Herkunft belegen lassen. Diese Aufgabe will Graphite One in Conneaut übernehmen.

Der Standort bringt Infrastruktur mit: einen Bahnanschluss an das Netz von CN, Zugang zu den Großen Seen und eine vorhandene Stromversorgung samt Umspannwerk. Seit dem 19. Mai 2026 hat Graphite One per Nutzungsvereinbarung mit einer CN-Tochter Zugang zum Gelände, um es für das Werk zu prüfen. Fällt die Prüfung positiv aus, soll ein Mietvertrag folgen. Die Meldung vom 22. Juni 2026 berichtet über einen am 16. Juni geschlossenen Engineering-Vertrag für Detailplanung und Optimierung der Fertigungssysteme.

Phase 1 ist auf rund 10.000 Tonnen pro Jahr ausgelegt. Der Bau soll im vierten Quartal 2027 abgeschlossen sein, anlaufen soll das Werk mit zugekauftem Ausgangsmaterial. Die Kapazität ist nach Anwendungen aufgeteilt: 4.000 Tonnen für Energiespeicher, je 3.000 Tonnen Schnellladematerial und Material mit hoher Energiedichte. Ohio zielt damit von Beginn an auf mehrere Käufergruppen.

Laut Meldung vom 22. Juni 2026 soll Phase 2 bis zum vierten Quartal 2028 folgen. Geplant sind 25.000 Tonnen synthetischer Graphit pro Jahr mit eigener Graphitierung.

Was das Werk erlösen könnte, beziffert das Unternehmen selbst. Laut Investorenpräsentation Q1 2026 schätzt Graphite One den Umsatz in Ohio auf rund 89 Mio. US$ bei 10.000 Tonnen pro Jahr. Bei 25.000 Tonnen nennt es rund 236 Mio. US$, bei 100.000 Tonnen rund 994 Mio. US$. Die Zahlen sind Schätzungen des Unternehmens, das heute noch keinen Umsatz erzielt.

Offen sind noch Mietvertrag, Stromverträge und Finanzierung. Bleibt die Frage, woher Ohio auf lange Sicht sein Ausgangsmaterial bezieht. Die Antwort liegt in Alaska.

Alaska soll die Kette schließen

Ohio soll das erste Problem lösen: Anodenmaterial, das auf amerikanischem Boden entsteht. Das zweite Problem ist der Rohstoff. Solange das Werk zugekauftes Material verarbeitet, bleibt ein Teil der Herkunftsfrage offen.

Diese Lücke soll Graphite Creek schließen. Der USGS führt das Vorkommen als größtes bekanntes Graphitvorkommen der USA und als eines der größten weltweit. Laut Machbarkeitsstudie stützen sich die Ressourcen auf Bohrungen in nur rund 12 % der mineralisierten Zone. Den Minenstart plant Graphite One für 2029.

Die Kette hat drei Glieder, jedes mit eigenem Zeitpunkt. Zuerst kommt das Werk in Ohio mit zugekauftem Material. Danach soll die Mine in Alaska heimisches Erz beisteuern. Später könnte ein Recyclingwerk am selben Standort Material in die Kette zurückholen.

Andere Graphitunternehmen setzen an anderen Stellen an. Syrah Resources fördert in Mosambik und betreibt ein Anodenwerk in Vidalia, Louisiana. Triton Minerals entwickelt Graphitprojekte in Mosambik. Nouveau Monde Graphite baut Mine und Verarbeitung in Québec, Kanada, auf. Westwater Resources baut ein Anodenwerk in Kellyton, Alabama, und hält mit Coosa ein Graphitvorkommen in Alabama.

Bei vielen liegen Rohstoff und Fabrik in verschiedenen Ländern. Graphite One will das größte bekannte Vorkommen der USA mit einem US-Werk verbinden und plant danach Recycling.

Eine Mine, die nach China liefert, ist keine Lieferkette. Ein US-Werk mit zugekauftem Ausgangsmaterial kontrolliert dessen Herkunft noch nicht vollständig. Graphite One will beide Enden in einer Hand zusammenführen: Mine, Fabrik, Recycling.

Hinzu kommt der Verteidigungsbereich. Die am 1. Oktober 2026 gegründete Sparte G1 Advanced Systems (G1x) soll Graphittechnologien für Energie, Technologie und nationale Sicherheit entwickeln.

Für die ganze Kette hat die Machbarkeitsstudie eine Größenordnung errechnet.

Eine Studie beziffert die ganze Kette

Die Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2025 rechnet die Kette durch, von der Mine in Alaska bis zum fertigen Anodenmaterial. Unterstützt wurde sie mit einem Zuschuss aus dem Defense Production Act. Ihr Ergebnis ist ein Kapitalwert nach Steuern (NPV, 8 % Abzinsung) von rund 5,0 Mrd. US$.

Die Studie geht von bis zu 175.000 Tonnen Konzentrat pro Jahr und 20 Jahren Laufzeit aus. Dafür veranschlagt sie Investitionen von insgesamt rund 5,0 Mrd. US$ einschließlich Reserven, davon rund 3,9 Mrd. US$ für die Verarbeitung und rund 1,1 Mrd. US$ für die Mine. Das Geld soll in Stufen fließen, im Takt des Ausbaus.

Hier liegt der Kontrast. Graphite One hatte 208.967.736 ausgegebene Aktien (Stand 13. August 2026). Beim Frankfurter Kurs von rund 0,49 € am 27. Oktober 2026 ergibt das einen Börsenwert von rund 100 Mio. €, umgerechnet rund 114 Mio. US$ (EZB-Referenzkurs vom 27. Oktober 2026). Dem steht ein Studienwert von rund 5,0 Mrd. US$ nach Steuern gegenüber.

Von Analysten beobachtet wird Graphite One bislang kaum. Eine aktuelle Einschätzung veröffentlicht nur Fundamental Research Corp (FRC), die von Graphite One für ihre Research-Abdeckung bezahlt wird: Kaufempfehlung, fairer Wert C$ 2,50, Risikoeinstufung „hochspekulativ“ (Stand 17. Juni 2026). Das kann sich ändern. Analysten nehmen Entwicklungsunternehmen meist dann in den Blick, wenn eine Genehmigung, eine Finanzierung oder ein erster Kunde vorliegt. Bis dahin prüfen Anleger die Belege selbst.

Das Bild eines Juniors mit einer Mine in Alaska greift bei dieser Kette zu kurz. Die Studie bewertet die Verarbeitung in Ohio mit, und Ohio ist der Teil, der zuerst Gestalt annimmt.

Als Studienergebnis beschreibt der Kapitalwert die Größenordnung des Potenzials. Bis daraus Cashflow wird, müssen Genehmigungen, Kunden und vor allem die Finanzierung folgen. Neben Krediten, wie sie die EXIM Bank in Aussicht stellt, kommen dafür auch neue Aktien infrage, die bestehende Anteile verwässern würden. Im Wettbewerb zählt neben dem Preis auch die belegbare Herkunft.

Wie ernst Washington diese Herkunftsfrage nimmt, zeigt sich in Zuschüssen, Aufträgen und Absichtserklärungen.

Drei Schritte entscheiden über die These

Die größte Zahl stammt von der EXIM Bank. 2025 stellte sie in zwei nicht bindenden Letters of Interest zusammen 2,07 Mrd. US$ in Aussicht. Davon entfallen 670 Mio. US$ auf Alaska und 1,4 Mrd. US$ auf Ohio.

Dazu kommen Schritte aus dem Verteidigungsbereich. 2023 unterstützte ein DPA-Title-III-Zuschuss über 37,5 Mio. US$ die beschleunigte Machbarkeitsstudie. Im selben Jahr vergab die Defense Logistics Agency (DLA) einen Auftrag über 4,7 Mio. US$ für ein Löschmittel auf Graphit- und Graphenbasis. Am 26. Oktober 2026 folgte die dritte DLA-Vergabe seit 2023, für Wärmemanagement-Materialien bei hohen Temperaturen, gemeinsam mit dem Idaho National Laboratory.

Graphite Creek war laut Unternehmen Alaskas erstes Critical-Minerals-Projekt im FAST-41-Verfahren. Zu den lokalen Investoren zählt die Bering Straits Native Corporation (BSNC).

Umgesetzt wird das Modell in drei Schritten. Zuerst zählt Ohio: Auf die technische Prüfung sollen Luftgenehmigung, Baustart und ein erster Kunde nach erfolgreicher Materialqualifizierung folgen. Danach die Finanzierung: Aus den EXIM-Absichtserklärungen sollen Antrag und Zusage werden. Drittens Alaska. Am 9. Juli 2026 wurde das Verfahren von einer Umweltprüfung (EA) auf eine volle Umweltverträglichkeitsprüfung (EIS) umgestellt. Graphite One und die BSNC unterstützen den Schritt, das Unternehmen hält am Minenstart 2029 fest.

Die volle Prüfung soll mehr Rechtssicherheit schaffen und die Anwohner stärker beteiligen. Der erste Schritt fällt in Ohio.

Aus Ohio kann eine Kette wachsen

Am Anfang stand eine Frage: Was ändert sich, wenn Ohio vor Alaska kommt? Die Antwort ist eine Reihenfolge, und sie verkürzt den Weg zum ersten Beweis.

Der Werttest rückt von der Mine zur Fabrik. Graphite One muss nicht bis zum Minenstart warten. Das Unternehmen misst sich zuerst an einem Werk, einer Genehmigung und einem ersten Kunden. Gelingt der Start in Conneaut, kann Graphite Creek später heimisches Erz beisteuern. Recycling könnte danach Material in die Kette zurückholen.

Vorsichtige Anleger verfolgen die Meldungen aus Ohio. Aktive Anleger bauen ihre Position entlang der Meilensteine auf.

Wer heute nach Conneaut schaut, sieht den Ort, an dem die Kette beginnen soll.

Graphite One Inc Logo

Graphite One Inc

Rohstoffe WKN A2PFXE ISIN CA38871F1027

Graphite One Inc. ist ein US-amerikanisch ausgerichtetes Rohstoffunternehmen, das das Graphite Creek Project in Alaska entwickelt, eine der groessten bekannten Flake-Graphit-Lagerstaetten der USA und weltweit. Das Unternehmen verfolgt ein vertikal integriertes Geschaeftsmodell entlang der Wertschoepfungskette von Graphit: Abbau am Standort Graphite Creek, Verarbeitung von natuerlichem Graphit mittels lizenzierter Prozesstechnologien, Herstellung von synthetischem (artifiziellem) Graphit sowie die Produktion von Anode Active Materials (AAM) fuer Batterieanwendungen. Ziel ist der Aufbau einer durchgaengigen, in den USA ansaessigen Lieferkette fuer kritische Graphitmaterialien fuer die Technologie- und Batterieindustrie. Das Unternehmen ist an der TSX Venture Exchange (TSX-V: GPH), im OTCQX-Markt (GPHOF) sowie an der Frankfurter Boerse (2JCA) notiert.